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HANDELSBLATT, Freitag, 29. April 2005, 17:30 Uhr

Mathematische Soziologie

Besser im Team spielen

Von Olaf Fritsche, spektrumdirekt

Favoriten st�rzen tief. Ob US-Amerikaner beim olympischen Basketball oder Franzosen und Deutsche auf dem Fu�ballplatz - Mannschaften, die nur aus hochkar�tigen Stars bestehen, erleben aus heiterem Himmel ihr blaues Wunder gegen hochmotivierte Nobodys. Kein Wunder, sagen Wissenschaftler, denn Erfolg ist eine Frage der richtigen Mischung.

Teamarbeit ist auch bei der deutschen Fu�ball Nationalmannschaft gefragt. Foto: dpa
Teamarbeit ist auch bei der deutschen Fu�ball Nationalmannschaft gefragt. Foto: dpa

HEIDELBERG. Die Zeiten der scheinbaren Einzelg�nger sind vorbei. Mag Odysseus seine ganze Mannschaft kreuz und quer �ber das Mittelmeer gef�hrt haben - die �berlieferung rechnet ihm alleine alle Heldentaten an. Ebenso br�teten gro�e Denker wie Aristoteles, Newton und Einstein nicht immer isoliert im stillen K�mmerlein an ihren genialen Ideen, sondern sie tauschten sich mit Kollegen aus, diskutierten zu zweien oder in Gruppen - und schrieben ihre Arbeiten einzig unter dem eigenen Namen. Wie versprengte Lichtlein im Dunkeln kommen uns diese Egos aus heutiger Sicht vor.

Inzwischen ist offene Teamarbeit angesagt. Ob Bundestrainer, Filmemacher oder Wissenschaftler - Expertengruppen schaffen mehr als Einzelt�ter und gestehen jedem Teilnehmer ein St�ck des Ruhmes zu. Fragt sich nur, nach welchen Regeln eine Traummannschaft gebildet wird. Denn die Erfahrung lehrt, dass weder eine Truppe egozentrischer Spitzenk�nner maximale Leistungen bringt, noch der eingeschworene Kreis wenig kompetenter Freunde. Ein Forscherteam um Roger Guimer� und Brian Uzzi von der Northwestern University wollte genauer wissen, worauf es ankommt. Dazu analysierten die Wissenschaftler die freie Bildung zeitlich befristeter Gruppen aus Kunst und Wissenschaft, zwei Bereiche, in denen ein hohes Ma� an K�nnen und Kreativit�t gefordert ist.

Als Beispiel f�r die Kunst mussten Produktionen von Broadway-Musicals herhalten. 2258 Shows aus den Jahren 1877 bis 1990 werteten die Forscher aus. Sie stellten fest, dass in der Fr�hzeit dieser neuen Unterhaltungsform noch relativ kleine Teams von durchschnittlich zwei Personen ein Musical auf die Beine stellten. Mit zunehmender Komplexit�t stieg diese Zahl allerdings an, bis sie um 1930 einen wom�glich optimalen Wert annahm. Seit mehr als einem halben Jahrhundert sind im Mittel sieben Leute an der Entwicklung eines Musicals beteiligt, mit speziellen Aufgaben wie Choreografie, Komposition, Libretto und vieles mehr. Selbst gro�e gesellschaftliche Spannungen - immerhin fiel in den Zeitraum von 1930 bis 1990 der Zweite Weltkrieg - haben kaum an der stabilen Siebenergruppe ger�ttelt.

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Eine �hnliche Entwicklung auf eine optimale Teamgr��e ist in den Wissenschaften entweder noch nicht abgeschlossen oder findet gar nicht statt. Die Auswertung zahlreicher Ver�ffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften l�sst zwar einen Anstieg der Gruppengr��e erkennen, aber keine S�ttigung. Daf�r ist hier gut zwischen Neulingen und alteingesessenen Mitgliedern der Wissenschaftsgemeinde zu unterscheiden. Guimer�, Uzzi und ihre Kollegen analysierten mit Werkzeugen der Wahrscheinlichkeitsrechnung, wie sich Teams aus alt und jung zusammensetzen. Dabei beachteten sie, dass jede Zusammenarbeit gewisse Bande zwischen den Mitgliedern entstehen l�sst. Man kennt sich eben oder anders ausgedr�ckt: Es entstehen Seilschaften.

In der Simulation am Computer bildeten sich zun�chst kleinere Verb�nde aus, die gerne miteinander kooperierten. Je sicherer es jedoch war, als erfahrenes Mitglied wieder in ein neues Team zu gelangen, umso mehr Querverbindungen entwickelten sich, bis schlie�lich jeder �ber ein paar Ecken jeden kannte. Dieser Effekt ging umso schneller, je gr��er die Gruppen waren. F�r Neulinge bedeutet das: Am schwersten ist es am Anfang, ist man einmal drin, l�uft es fast von alleine.

Aber spiegelt die Simulation �berhaupt das wahre Leben wider? Um dies zu pr�fen, unterzogen die Forscher ihr Datenmaterial den gleichen Berechnungen. Tats�chlich passten Theorie und Praxis gut zusammen. Mit einer Ausnahme: Astronomie. In dieser Teildisziplin scheinen andere Mechanismen am Werke zu sein. Wom�glich liegt der Grund darin, dass astronomische Ger�te wie Teleskope, Satelliten oder Sonden extrem teuer sind und dementsprechend Messzeiten ein knappes Gut. Notgedrungen teilen sich Astronomen darum Zeiten und Daten, was zu ungew�hnlich gro�en Gruppen f�hrt - eben typisch astronomische Zahlen.

Insgesamt darf nun als mathematisch-wissenschaftlich gesichert gelten, was intuitiv schon lange klar war: Ein erfolgreiches Team braucht erfahrene Leute, die durch ihre Beziehungen weitere hochkar�tige Mitglieder werben, ebenso wie Neulinge mit unkonventionellen Ansichten, damit sich das Denken nicht st�ndig im Kreis dreht.

Was lehrt uns dies in Hinblick auf die Fu�ball-WM 2006? Anscheinend ist die Idee eines F�hrungsteams gar nicht so �bel. Allerdings sollte man vielleicht ab und zu einzelne Positionen neu besetzen, um frische Ideen einzubringen. Das k�nnte mehr Erfolg versprechen, als die bisherige Methode, alle mit einem Schlag auszuwechseln und so auf die gewachsene Erfahrung zu verzichten. Denn wir wissen ja: Es gibt nur einen Rudi V�ller! Und einen J�rgen Klinsmann!

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